Verfasst von: ah | Juli 5, 2008

Die Entdeckung der Gentrification

Wer weiss, was Gentrification ist? Jedenfalls in Berlin wurde sich lange Zeit um den Begriff herum gedrückt.

Seit Jahren verweigern sich die Verantwortlichen der Stadtentwicklung in Berlin für die Sanierungsgebiete in Ostberlin einen Gentrificationbefund anzuerkennen. Gentrification, ist das nicht die Verdrängung der ärmeren Bevölkerungsgruppen aus einem Stadtviertel? Richtig, und genau dies zu verhindern war ein Ziel der Sanierungssatzungen. Kein Wunder also, dass Senatsverwaltungen, Sanierungsbeauftragte und Mieterberatung die Veränderungen unisono als ‚ganz normalen Wandel‘ darzustellen suchten. Alles andere wäre ein Eingeständis des eigenen Scheiterns. Und ehe die Realität der Niederlage anerkannt wird, ist es doch viel bequemer, die Realität umzuschreiben.


Stadtteilinitiativen und Mieterorganisationen galten lange Zeit als Schwarzmaler, Nestbeschmutzer und Panikmacher wenn sie das gefährliche G-Wort benutzten. Irgendwann in den 1990er Jahren mussten sich all jene, die einer Verdrängung und Gentrification das Wort redeten, vorwerfen lassen, sie würden mit ihrer Kritik an den mangelnden Instrumenten der Stadterneuerung die Mieter/innen in Prenzlauer Berg verunsichern und so zur Verdrängung beitragen… Ach, hätten wir doch immer schön die Sanierungspolitik gelobt!

Jetzt jedenfalls ist es zu spät. Selbst die westdeutschen Leitmedien haben den Verdrängungsdiskurs aufgegriffen und mit bissigen Beiträgen die schöne neue Welt im Berliner Osten beschrieben.

Sehr schön in diesem Zusammenhang der inzwischen zum Sprichwort paraphrasierte Artikel „Bionade-Biedermeier“ in der Zeit, der die Veränderungen in Prenzlauer Berg aus der Perspektive des Gemüsehändlers Yunus Uygur beschreibt:

„Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist das Experimentierfeld des neuen Deutschlands. Doch wer nicht ins Raster passt, hat es schwer im Biotop der Schönen und Kreativen.“

Zwar spielt der Artikel vor allem mit den gängigen Klischees von Prenzlauer Berg – da ist von „Ökoschwaben“ und „Pornobrillenträgern“ auf der zur „Castingallee“ gewordenen Kastanienallee die Rede – doch der Perspektivwechsel, Prenzlauer Berg von unten zu betrachten, ist zumindest außergewöhnlich. Und liegt sogar ganz im Trend internationalen Debatten um Gentrification. Tom Slater – einer der etabliertesten Akademiker in diesem Feld – forderte erst jüngst in einem lesenswerten Aufsatz zu den kritischen Ursprüngen der Gentrificationforschung zurückzukehren und weniger die Lebensstile und Konsumweisen der neuen Bewohner/innen zu untersuchen, als vielmehr die sozialen Auswirkungen auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den Aufwertungsgebieten.

Das in der Zeit veröffentlichte Sittengemälde von Prenzlauer Berg zeigt eindrücklich, welch verschiedene Lebensentwürfe dort aufeinanderprallen, auf der einen Seite die „unkonventionelle Bürgerlichkeit“ der Neubewohner/innen die ihr Geld scheinbar alle in kreativen Berufen oder erfolgreichen Branchen verdienen – auf der anderen Seite, die Putzfrauen, Gemüsehändler und Imbissbudenbetreiber, die die vielen kleinen Annehmlichkeiten des Alltags bereitstellen.

„Die Beamten im Polizeirevier drucksen ein wenig rum, wenn man sie nach Veränderungen in den Straßen und den Häusern fragt, die sie seit Jahren kennen. Ihre Lippen werden schmal, sie wirken seltsam defensiv. Dann stellt sich heraus: Sie kommen alle nicht von hier, Dienstleistungen werden mittlerweile importiert. Der Prenzlauer Berg ist kein Viertel, das Putzfrauen, Bauarbeiter oder eben Polizisten hervorbringt. Das ist hier ähnlich wie in Dubai.“

Auch an den Schulen sind die Veränderungen spürbar. Autor Henning Sussebach lässt Lehrer Zippeling – selbst in Prenzlauer Berg aufgewachsen – zu Wort kommen:

„Zipperling erinnert sich noch gut, wie sich diese „Gesellschaft“ Anfang der Neunziger zu verändern begann, als im Prenzlauer Berg „ganze Häuserlandschaften zum Verkauf standen. Dazu die einfallende hohe Arbeitslosigkeit. Die Armen und Arbeitslosen sind damals gegangen, dazu die wenigen Familien, die sich ein Haus im Grünen leisten konnten.“ Nach manchen Sommerferien waren pro Klasse vier, fünf Arbeiterkinder weg – und vier, fünf Akademikerkinder da. Mit die Letzten, die heute an seiner Schule noch berlinern, sind Zipperling und seine Kollegen. Er schätzt den Anteil der Akademikerkinder auf „70 Prozent mindestens“, die Zahl der Ausländer sei hingegen „verschwindend gering“. Es gibt nur einige Kinder türkischer oder polnischer Familien aus dem Wedding, deren Eltern der Ausländeranteil auf den dortigen Schulen zu hoch ist. Die Zahl der Schulschwänzer ist nicht erwähnenswert, und die allermeisten Kinder haben gut gefrühstückt, wenn um 7.50 Uhr die Klingel schellt.“

So kann die Schlussfolgerung kaum wundern:

„Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.“

Na, wenn das nicht Gentrification ist…


Responses

  1. Hier der passende Song zum neuen Blog von meinen Kollegen DJ V.Raeter und Lunte von Sichtbeton aus Prenzlauer Berg, frei unter creative commons license.

  2. […] Ein Gespenst geht um in Berlin: Gentrifizierung. Was klingt wie eine schreckliche Hauterkrankung plus Pickel im Genitalbereich ist in Wahrheit ein Schimpfwort für gewisse Stadtentwicklungen. Wenn beispielsweise in deiner Nachbarschaft plötzlich B-Klassige Serienschauspieler auftauchen, dann ist es schon längst zu spät. Dann bist du selbst längt gentrifiziert. Und dann steigen die Mieten und deine Ausgaben für Lebensmittel. In Berlin gab es das lange Zeit offiziell nicht. Aber die Fakten sprechen für sich. Sehr schön nachzulesen hier. […]

  3. In dem oben genannten ZEIT-Artikel wird von einem Bevölkerungsaustausch von 80% seit Mauerfall im Prenzlauer Berg gesprochen. Wo kommt diese Zahl her, kann die jemand belegen oder ist sie Ausdruck des subjektiven Empfindens des Autors? Mir kommt sie, bei aller Veränderung, doch recht hoch vor. Und zudem: Eine Gentrifizierung wie sie hier oben beschrieben ist und sich vermutlich ja auch in den letzten (gefühlten 5?) Jahren beschleunigt hat, hat mit einem Bevölkerungsaustausch in welcher Höhe zu tun? Ich freue mich über Einschätzungen und Belege von Euch.

    • Lieber Stephan Müller,

      vielen Dank für das Interesse am Theam und am Blog. Die 80 Prozent kommen sicherlich aus den verschi8edenen Sozialstudien in den Sanierungsgebeiten in Prenzlauer Berg, die in den einzelnen Quartieren festgestellt haben, dass 2008 nur noch maximal 20 Prozent der Bewohner/innen vom Beginn der Sanierungsarbeiten (1993) in den Gebieten lebten. Es gibt unter dem Schlagworten #Prenzlauer Berg und #Sanierungsgebiet und/oder #Verdrängung sicher noch den einen oder anderen Blogpost, der dich direkt zu den Studien führt.

      Grüße,
      AH


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