Verfasst von: ah | Dezember 17, 2009

Gentrification: (Sub)kulturelle Aufwertungslogiken

Die Frankfurter Student_innen Zeitschrift „diskus“ setzt sich in ihrer Oktoberausgabe 2009 mit dem Verhältnis linker Aktivist_innen und linker Politik mit Popkultur auseinander. Neben aufschlussreichen Gesprächen mit Frank Apunkt Schneider und Didi Neidhardt über die „Krisen der Poplinken“ sowie über die Erfahrungen mit den Frankfurter Nachttanzdemos „Krach 2009“ gibt es im Heft tiefschürfendes Theoretisieren über die Verbindung von Alltag, Kultur und Politik von Daniel Loick („Das poplinke Versprechen und die Kritik von Lebensformen: ein Verfahrensvorschlag“). Weil das in Mode geratene G-Wort in kaum einer Debatte fehlen darf, wurde ich gefragt auch etwas zum Verhältnis von (Sub)Kulturen zur Gentrification beizutragen: „Auf dem Weg zum Bionade-Biedermeier. (Sub)kulturelle Aufwertungslogiken in Gentrification-Prozessen“.

In Frankfurt/Main und Umgebung liegt das Heft kostenlos in den den einschlägigen Buchläden, Kneipen und Veranstaltungsorten aus – alle anderen können es für 2,50 Euro über diskus(at)copyriot.com bestellen. Meinen Beitrag gibt es aber auch hier im Blog zu lesen:

Auf dem Weg zum Bionade-Biedermeier.

(Sub)kulturelle Aufwertungslogiken in Gentrification-Prozessen

von Andrej Holm

Thema des Beitrages sind die Beziehungen zwischen Kultur, kulturellem Kapital und künstlerischen Praktiken im Kontext von städtischen Aufwertungsprozessen. Gentrification ist dabei eines der bekanntesten Konzepte, die aktuellen Neuordnungen des Städtischen zu beschreiben. Die Ansätze der Gentrificationforschung erklären warum und wie meist innerstädtische ehemalige Arbeiterviertel in Nachbarschaften des Wohlstandes transformiert werden. Als Gentrification bezeichnet werden städtische Entwicklungsprozesse der baulichen Aufwertung, der Steigerung der ökonomischen Verwertung und kulturellen Neubewertung, die einen Austausch der Bevölkerung in den betroffenen Wohngebieten evozieren. Die Verdrängung der städtischen Armen ist dabei nicht nur Nebenprodukt, sondern das Prinzip und Ziel solcher städtischen Umstrukturierungen.

Die meisten Gentrificationstudien beschäftigen sich mit den ökonomischen und sozialen Fragen solcher Aufwertungsprozesse. Auf der einen Seite analysierten vor allem Soziolog_innen die Gentrification als Gegentrend zur Suburbanisierung und als Rückkehr der Mittelklasse in die Innenstädte und erklärten ihre Beobachtungen mit veränderten Lebensstilen, flexibleren Arbeitsbedingungen und neuen Haushaltsstrukturen. Gentrification wird aus dieser Nachfrageperspektive vor allem als kulturelles Phänomen und als Ausdruck neuer Konsumtionspräferenzen verstanden (Blasius 1993; Helbrecht 1996).

Dem gegenüber stehen Forschungsansätze der kritischen Geographie (wie etwa die Arbeiten von David Harvey und Neil Smith), die Gentrificationprozesse aus einer Angebotsperspektive auf die ökonomische Rationalität von Investitionen in die Modernisierung vernachlässigter Wohnungsbestände zurückführen. Auch sie charakterisieren die Gentrification als eine “back to the city movement”, aber eine “by capital, not by people” – Also eine Rückkehrbewegung in die Stadt, jedoch des Kapitals, und erst in zweiter Linie der Menschen (Smith 1979, 1986).

Neben diesen Erklärung suchenden Forschungsansätzen haben viele Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Journalist_innen immer wieder die komplexen Wandlungen des Nachbarschaftscharakters in Aufwertungsgebieten beschrieben. Denn Gentrification beschränkt sich weder auf die Aufwertung der Bausubstanz oder die Erhöhung der immobilienwirtschaftlichen Einnahmen noch auf die Verdrängung ärmerer Haushalte und die soziale Neuzusammensetzung der Bewohnerschaft – Gentrification ist immer auch eine Prozess der symbolischen Aufwertung des Ortes und der Kommodifizierung kulturellen Kapitals. In den folgenden Abschnitten werde ich diese Prozesse beleuchten und versuchen, die spezifische Rolle von Kulturprodzierenden, Künstler_innen und auch politischen Szenen darin zu beschreiben. Während es weitgehend akzeptiert ist, diese Gruppen als Träger symbolischen und kulturellen Kapitals als Indikatoren und Akteure von Aufwertungsprozessen auf einer phänomenologischen Ebene zu beschreiben, gibt es bisher nur wenige Versuche einen systematischen Zusammenhang zu analysieren und die Kulturen der Aufwertung selbst zu untersuchen.

Zyklen der Kommodifizierung kulturellen Kapitals in Gentrificationprozessen

Bei der Erklärung einer – wie zu zeigen sein wird – mehrfachen Transformation kulturellen Kapitals in Gentrificationprozessen werde ich im Wesentlichen den Gedanken von Sharon Zukin folgen, einer Sozialwissenschaftlerin aus New York, die insbesondere durch ihr Buch “Loft Living” über die neuen Wohnformen im New Yorker Künstlerviertel SoHo bekannt geworden ist (Zukin 1982). Sie beschreibt in Anlehnung an Pierre Bourdieus Theorie der drei Kapitalien die Verwandlung kulturellen Kapitals (cultural capital) in eine Form des realen kulturellen Kapitals (real cultural capital). Bei Immobilieninvestitionen wird das real cultural capital zur Steigerung der Bodenwerte und der Wohnkosten in innerstädtischen Wohnvierteln genutzt, so dass wir von einer materialisierten symbolischen Rendite sprechen können. Dieser Prozess der Umwandlung des kulturellen Kapitals in einen realen wohnungswirtschaftlichen Gewinn erfolgt in vier Phasen.

In der ersten Phase der Gentrification – so Zukin – ziehen viele meist junge und gebildete Menschen in sozial benachteiligte und baulich vernachlässigte Nachbarschaften. Als zentrale Gründe für diesen Zuzug werden meist die geringen Wohnkosten und die aus der ökonomischen Entwertung erwachsenden Erwartungen von Selbstentfaltungsmöglichkeiten eines städtischen Experimentierfeldes angeführt. Typisch für diese Pionierphase der Gentrification ist der Anstieg von subkulturellen Aktivitäten, die Eröffnung selbstorganisierter Clubs und Partyräume, Hausbesetzungen und die Initiierung aller möglichen anderen unkommerziellen Projekte. Mit der Terminologie von Bourdieu können wir diese erste Phase der Aufwertung verstehen als eine Konzentration von Menschen, die in einem hohen Maße mit individuell inkorporiertem kulturellen Kapital ausgestattet sind.

Während der zweiten Phase der Aufwertung wandelt sich die Wahrnehmung der Nachbarschaften in Folge der Konzentrationsprozesse von kulturellen und subkulturellen Aktivitäten vom Image eines Abeiterquartiers oder sogar sozialen Brennpunktes hin zum Image eines alternativen Eldorado oder subkulturellen Hotspots der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt verwandelt sich das Gebiet von einem normalen und unauffälligen Wohngebiet in einen besonderen Ort und wird als “Künstler-Hochburg”, “Szeneviertel” oder “Galerien-Quartier” gelabelt. Dieses neue Image wird sichtbar in der gewachsenen Medienpräsenz des Gebietes, in gestiegener Beachtung in Touristenführern und oft auch in der Tatsache, dass bekannte Autoren die Handlungen ihrer Romane und Erzählungen in diese Gebiete verlegen und die Nachbarschaften immer öfter als beliebte Filmkulisse benutzt werden. In der Begrifflichkeit von Bourdieu und Zukin können die Effekte der Pionieraktivitäten als eine Aufladung des Raumes mit kulturellem Kapital bezeichnet werden. Die Nachbarschaft verwandelt sich dabei von einem Container kultureller Aktivitäten in ein eigenständiges kulturelles Objekt. Das individuell inkorporierte kulturelle Kapital hat sich auf diesem Wege in ein ortsgebundenes kulturelles Kapital verwandelt.

In der dritten Phase der Gentrification, wenn das Image und der Charakter einer Nachbarschaft in Folge der subkulturellen Aktivitäten und öffentlichen Aufmerksamkeit aufgewertet wurden, verortet Sharon Zukin eine zweite Transformation des kulturellen Kapitals. Wenn Räume oder Nachbarschaften zu besonderen Orten werden, neigt die Immobilienwirtschaft dazu, Extraeinnahmen für nun exklusive (besondere) Lage zu erheben. Steigende Bodenpreise und Mieten sind die ersten Anzeichen einer Ökonomisierung des kulturellen Kapitals und der symbolischen Aufwertung des Viertels. Die neue Attraktivität des Ortes motiviert darüber hinaus Eigentümer_innen und Investor_innen zur Aufwertung der Bausubstanz und zu Investitionen in Modernisierungsmaßnahmen. Der „Ruf ist besser als sein Viertel“ und eine Materialisierung der in den gestiegenen Bodenpreisen sichtbaren Erwartungen ist nur über Realisierung der bestmöglichen Nutzung der Grundstücke möglich. In Wohngebieten sind dies meist modernisierte Miet- oder Eigentumswohnungen, da deren Preise (auch unter Berücksichtigung der Modernisierungskosten) eine höhere Rendite ermöglichen. Das ist der Punkt, an dem der eigentliche und sichtbare Gentrificationsprozess beginnt und erste Wellen der Verdrängung die sozialen Strukturen der Nachbarschaften verändern. Zukin beschreibt diesen Moment der beginnenden Inwertsetzung und Kommodifizierung als eine Transformation kulturellen Kapitals in reales kulturelles Kapital.

In der vierten Phase der Gentrification, also zu einem Zeitpunkt, wenn nach den Modernisierungsmaßnahmen durch den Verkauf oder die hochpreisige Vermietung ökonomische Gewinne realisiert werden, erfolgt die dritte Kapitaltransformation. Denn eine erfolgreiche Umsetzung der Aufwertungserwartungen kann nur gelingen, wenn Wohnungserwerber und Neumieter bereit sind, für die Lage an einem besonderen Ort einen Extrapreis zu zahlen. Bourdieu bezeichnet solche Konstellationen als „Extrakosten für räumliche Distinktionsprofite“ (Bourdieu 1991). Mit anderen Worten setzen die neuen Bewohner_innen einen Teil ihres personengebundenen ökonomischen Kapitals für den Erwerb eines symbolischen Wertes ein – nämlich an einem besonderen Ort zu wohnen und nicht in einer beliebigen Nachbarschaft. Etliche soziologische Untersuchungen zeigen, dass die Wohnortwahl und der Eigentumserwerb an einer ‚guten Adresse‘ zu den typischen Praktiken zur Herstellung sozialer Distinktion gehören. Rückblickend auf den Ausgangspunkt der Aufwertung können wir die Transformationsprozesse des kulturellen Kapitals als Aneignung des individuell-korporierten kulturellen Kapitals der Aufwertungspioniere in Gestalt einer räumlichen Distinktionsrendite durch das personengebundene ökonomische Kapital der Gentrifier beschreiben.

Inwertsetzung von Subkultur

Dass sich solche Aufwertungsprozesse sogar auf subkulturellen Praktiken aufbauen lassen, zeigt sich in der Überführung von Ausdrucksformen der Hausbesetzungsbewegung in die Marketingstrategien der Immobilienwirtschaft. So verweisen etwa Immobilienanzeigen im Berliner Bezirk Friedrichshain – mit über 30 besetzten Häusern in den 1990er Jahren eine regelrechte Hochburg der besetzten Häuser – regelmäßig auf die „lebendige Atmosphäre“ und die „vielfältigen kulturellen“ Angebote. Für die Vermarktung von modernisierten Luxuswohnungen in einem ehemals besetzten Haus wurden explizit die Artefakte der Besetzerzeit erhalten. In der Wohnungsanzeige heißt es: „Das Treppenhaus ist nach altem Vorbild instand gesetzt und geschmackvoll farblich gestaltet. Die schönsten Graffiti-Kunstwerke der Vergangenheit wurden mit Klarlack in das neue Treppenhaus integriert und erhalten.“ – Bei Mietpreisen von 2.500 Euro je Monat ein schmückendes Extra.

Dass die Inwertsetzungsstrategien nicht auf einzelne Immobilien beschränkt bleiben, zeigt der städtischen Umgang mit der Hausbesetzungsbewegung in Amsterdam. Unter dem Stichwort von sogenannten „breeding places“ unterstützte die Stadtverwaltung die Legalisierung besetzter Häuser und förderte darüber hinaus die selbstverwaltete und kostengünstige Nutzung leerstehender Gebäude. Mit einem 1999 aufgelegten Förderprogramm stellte die Stadt Amsterdam sogar 41 Millionen Euro zur Verfügung, um über 1.000 Arbeits- und Wohnplätze für einzelne Künstler_innen, Künstlergruppen und Kulturunternehmer zu entwickeln. Der ehemals durch Hausbesetzungen erschlossene Möglichkeitsraum selbstorganisierter Kultur in Amsterdam sollte bis zum Jahre 2006 durch legale Räume ersetzt werden und durch experimentelle Studios und Ateliers erschlossen werden. Ausgesprochenes Ziel dieser Förderung kollektiver Wohn- und Arbeitsprojekte ist die Verankerung künstlerischer Aktivitäten in ausgewählten Stadtteilen, von denen sich die Stadtverwaltung einen Aufwertungseffekt verspricht.

Ein ähnliches Beispiel, ebenfalls aus Amsterdam, stellt das Projekt „Open Ateliers Amsterdam Zuidoost“ in der als problematisch geltenden Großsiedlung Bijlmermeer dar. Die Wohnungsbaugesellschaft Rochalde, als größte Wohnungsanbieterin im Stadtteil, erklärte sich im Rahmen der geplanten Abrissarbeiten bereit, geräumte und für den Abriss vorgesehene Hochhäuser als temporäre Ausstellungsorte zur Verfügung zu stellen. Aus einer zunächst zweiwöchigen Nutzung hat sich mittlerweile ein dauerhaftes Projekt entwickelt, denn die Wohnungsbaugesellschaft hat schnell die praktischen Vorteile der künstlerischen Zwischennutzung erkannt: „…denn nicht nur die Künstler fühlten sich in einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre wohl; auch Rochalde war zufrieden und begann die Vorteile einer Nutzung der leerstehenden Wohnungen schätzen zu lernen. Die Nutzung durch Künstler hielt unerbetene Gäste wie Obdachlose, Junkies und Hausbesetzer fern. Da diese Kooperation zu beiderseitiger Zufriedenheit verlief, sind es seit rund acht Jahren etwa 40 bis 60 Künstler, ‚artist nomads’ wie sie genannt werden, die alle paar Monate der Renovierung voranziehen und in dieser Zeit die bereits geräumten Wohnungen mietfrei als Atelier nutzen.“ (Springer 2007: 185)

Der Hintergrund dieses Politikwechsels ist in einer neuen Form der Standortpolitik zu verorten, die nicht mehr bloß transnational agierende Konzerne, sondern verstärkt auch „junge Kreative“ aus Bereichen wie Mode, Popmusik und Webdesign anlocken will. Unter dem Label „Amsterdam Creative City“ können eben auch besetzte Häuser als „kreative Brutstätten“ vereinnahmt werden. Ein Programm, das als Antwort auf soziale und politische Initiativen entstanden war, wurde so zum Instrument, um den „Standort Amsterdam“ aufzuwerten.

Eine völlig andere Perspektive bietet das seit 20 Jahren besetzte Hausprojekt „Köpi“ in Berlin. Die hier konservierten Punkattitüden und Trashkulturen sind offensichtlich von immobilienwirtschaftlichen Akteuren nur schwerlich in eine Inwertsetzungsstrategie zu integrieren. Ein zentraler Slogan bei den Protestaktivitäten gegen Räumungsankündigungen und Verkaufsabsichten war immer: “KÖPI bleibt Risikokapital”. Ob Risiko-Image oder internationale Mobilisierungsfähigkeit und die latente Drohung einer militanten Hausverteidigung – bisher haben sich weder für das Haus selbst noch für die angrenzenden Grundstücke Investoren gefunden. Doch solche Deattraktivierungsstrategien sind begrenzt; und wie das Beispiel des unabhängigen Kulturzentrums Rote Flora in Hamburg zeigt, bietet selbst die Dominanz von Verweigerungskulturen keinen wirksamen Schutz vor aufwertungsrelevanten Vereinnahmungen (Blechschmidt 2007).

Täter, Opfer, Aktivisten: Orientierungsschwierigkeiten in Aufwertungsprozessen

Die Nähe von künstlerischen, subkulturellen und auch politischen Aktivitäten und den gebietsbezogenen Verwertungsinteressen des Immobilienmarktes werden in öffentlichen aber auch akademischen Debatten naturalisiert. So spricht etwa Bettina Springer, die sich mit kulturell vermittelten Brandingstrategien der Immobilienwirtschaft beschäftigt hat, von einer „Stimulanz und Kreativität des Ortes“ (Springer 2007: 201). Insbesondere alte Gebäude und Straßen würden dabei einen besonderen Reiz auf Künstler_innen und Kreative ausüben. Die klassischen Orte der Bohemiens seien solche, „in denen Schnaps und die Zimmer billig und die Straßen voller Vergangenheit“ sind (Rapp 2002:42). Zur Absicherung eines solchen Verortungsmythos der Kreativität wird gerne auf Jane Jacobs Buch „The Death and Life of Great American Cities“ verwiesen: „ Old ideas can sometimes use new buildings. New ideas must use old buildings” (Jacobs 1961:188).

Die Arbeit von Bettina Springer wirft zudem ein erhellendes Licht auf die Logik von kulturellen Zwischennutzungen, die oftmals den Rahmen für subkulturelle Aktivitäten stellen und teilweise auf den Forderungskatalogen von Stadtteilauseinandersetzungen stehen. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einem „Mittel der Revitalisierung urbaner Brachflächen“ und beschreibt die Akteure als „Dienstleister für die Immobilienbranche“. Mit den temporären Nutzungsprojekten werden – so Springer – verschiedene Absichten verfolgt. Ganz unmittelbar stellen Zwischennutzungen eine kostengünstige Alternative zum Leerstandsmanagement dar. Zum anderen werden sich von den symbolisch aufgeladenen Aktivitäten im Rahmen der Zwischennutzung Stimulationen für die Mobilisierung bzw. den Aufbau ökonomischer Ressourcen erhofft. Springer spricht in optimistischer Überhöhung der Zwischennutzungspotentiale gar von „innovativen Keimzellen der zukünftigen Ökonomie“. Durch Zwischennutzungen könne es gelingen, so die Erwartungen, dass sich Brachen nicht nur wieder ins städtische Gefüge eingliedern, sondern mehr noch einen exponierten Status erhalten.

Zwischennutzungen werden in einer solch utilitaristischen Perspektive argumentativ schnell zur künstlerischen Eigenlogik naturalisiert. So heißt es bei Bettina Springer: „Das in der Gesamtschau beinahe schon sprichwörtliche Nomadentum von Künstlern auf der Suche nach günstigen Wohn- und Arbeitsräumen macht sie gewollt oder ungewollt, zum Paradigma der temporären Nutzer. Mit der Verbindung von temporärer Nutzung und Künstlern wird aus der Not, so könnte man sagen, eine Tugend gemacht“ (Springer 2007: 161)1. Entsprechend werden Zuschreibungen, die Künstler_innen zu Kollaborateuren der Gentrification abstempeln, scharf zurückgewiesen und der Begriff der Gentrification generell in Frage gestellt. Die ökonomische Wertschätzung des ästhetischen Potentials von Künstler_innen sei nun mal Teil des kulturellen Feldes: „Den Künstler und die Kunst generell ihrer Sogwirkung für ökonomisches Kapital wegen zu verurteilen, vernachlässigt (…) das komplexe Beziehungsgeflecht kultureller Produktion und Konsums sowie die Strukturen des Feldes an sich.“ (Springer 2007: 167). Selbst jede noch so subversive und protestierende künstlerische Motivation könne sich dieser Enteignung nicht entziehen. Um sich dem Schuldvorwurf endgültig zu entziehen bleibe dem Künstler alleine die Möglichkeit, den Beruf zu wechseln. Leider bleibt Bettina Springer bei der Zurückweisung schematischer Schuldzuweisungen stecken und zieht sich argumentativ auf die Notwendigkeit einer künstlerischen Autonomie zurück.

Eine andere Perspektive bieten die Arbeiten im Feld einer Urban Political Economy (Logan /Molotch; Kirchberg 1998), die künstlerisches Handeln in das städtische Konfliktfeld von tauschwertorientierten Interessen der Immobilienbesitzenden und den Gebrauchswertorientierungen der Bewohner_innen der Stadt einordnet.

Kulturelle Aktivitäten, Kultureinrichtungen und –institutionen nehmen dabei in Stadtpolitiken, die auf eine Steigerung des Tauschwertes der Immobilienwirtschaft setzten, eine Nebenrolle bei der Ausgestaltung des städtischen Standortes ein und werden zu „Mitspielern der Wachstumskoalition“. Insbesondere die finanziellen Abhängigkeiten von privaten und mehr noch öffentlichen Förderprogrammen prägen dabei die Ausrichtung der Kunst. Volker Kirchberg formuliert dabei eine düstere Aussicht: „Nur die Aspekte der Stadtkultur können langfristig überleben, die sich mit der Wachstumskoalition, nicht gegen sie entwickeln. ‚Alternative’ oder Avantgarde-Kultur, die ihr Image aus ihrer Gegnerschaft zur Wachstumskoalition schöpfen, bleiben unwichtig und verschwinden wieder, oder sie steigen in die Ränge einer etablierten Kultur auf, weil sie sich in die Koalition integriere lassen, sich also für die Zwecke der Wertsteigerung von Grund und Boden vereinnahmen lassen“ (Kirchberg 1998: 44). Die Distinktionspotentiale der Kultur spiegeln dabei die segregationsfördernden Zielgruppenorientierungen des Immobilienmarketings wider: „Die Produktion und Distribution städtischer Kultur wird von der gestaltenden Immobilienwirtschaft dabei bewusst verwendet, um segregierende Ungleichheiten zum Zweck der Tauschwert-Steigerung in ausgesuchten Räumen der (…) Spekulation aufrechtzuerhalten oder noch zu verschärfen“ (Kirchberg 1998: 44).

Doch in den Interessenkonstellationen um den Tausch- bzw. Gebrauchswert der Stadtentwicklung kann Kultur auch in den Dienst der Bewohner_innen gestellt werden. Kultur als Zeichen und Instrument der Selbstermächtigung von Nachbarschaften in ihrem Kampf um die Gebrauchswerte der Stadt könnte das scheinbare Dilemma von Kunst und Kulturproduzent_innen in Gentrificationkontexten auflösen. In der Logik der Kapitaltransformationen des real cultural capital gesprochen ginge es darum, die Übertragung kulturellen Kapitals in einen immobilienwirtschaftlichen Verwertungsprozess zu unterbrechen. Dabei geht es weniger um eine weitgehend aussichtslose Verweigerung gegenüber möglichen Instrumentalisierungen der symbolischen Inwertsetzung als vielmehr um die konkrete Stärkung von Nachbarschaftsinitiativen und einer Stärkung politischer Regulationsinstrumente. Die spezifischen Potentiale der Kultur und Subkultur in diesen Zusammenhängen sind die Potentialität eines symbolischen Mehrwerts, die Organisationsfähigkeit und die in Ansätzen vorhandene Kollektivität in den Produktionsprozessen. Mithin Ressourcen, die einer nachbarschaftlichen Organisierung von Anti-Gentrificationprotesten oft fehlen. Solche Formen der intervenierenden Kultur setzen jedoch voraus, dass von Kulturschaffenden und subkulturellen Szenen die ihnen oft innewohnenden Distinktionspraktiken zurückgestellt werden und die kulturelle und oftmals auch soziale Distanz zu anderen Bewohner_innen in aufwertungsbedrohten Nachbarschaften bewusst abgebaut werden.

Der Kulturwissenschaftler Uwe Lewitzky entwirft im Anschluss an die Überlegungen von Miwon Kwon die Perspektive einer „Kunst im öffentlichen Interesse“ (Lewitzky 2005: 84 ff.). Im Gegensatz zur Kunst im öffentlichen Raum oder einer Kunst als öffentlicher Raum ist ein solche Kunst im öffentlichen Interesse durch „aktivistische, interventionistische und prozessuale Ansätze“ geprägt und definiert sich als „prozessorientiertes Arbeiten mit lokalen Bevölkerungsgruppen und arbeitet dementsprechend mit einer neuen Art von Ortspezifität, die (…) den sozialen Kontext des Ortes berücksichtigt“ (Lewitzky 2005: 86). Kritische Selbstreflexionen der eigenen Praxis, partizipatorische Kunstprojekte und die aktive Beteiligung an Anti-Gentrification-Mobilisierungen können Spielarten einer Kunst im öffentlichen Interesse sein. Das Verlassen lieb gewonnener Nischen und Selbstbilder kann als eine Vergesellschaftung der eigenen Praxis verstanden werden und ist die wohl grundlegendste Voraussetzung für die beschriebene Gebrauchswertorientierung.

Literatur:

Blasius, Jörg (1993): Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung, Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag

Blechschmidt, Andreas 2007: Die Rote Flora im Hamburger Alltag: Stör- oder Standortfaktor? In: Birke, Peter; Holmsted Larsen, Chris (Hrsg.): Besetze Deine Stadt! Bz Din By! Häuserkämpfe und Stadtentwicklung in Kopenhagen. Berlin/Hamburg: Assoziation A, 190-198

Bourdieu, Pierre 1991: Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum. In: Wentz, Martin (Hg.): Stadt-Räume., Frankfurt a.M./ New York 1991, 25-34

Clay, Phillip L. (1979): Neighborhood Renewal: Middle Class Resettlement and Incumbent

Helbrecht, Ilse (1996): Die Wiederkehr der Innenstädte. Zur Rolle von Kultur, Kapital und Konsum in der Gentrification. In: Geographische Zeitschrift, Nr. 84, 1-15

Jacobs, Jane 1961: The Death and Life of Great American Cities. New York: Vintage Books/Random House

Kirchberg, Volker (1998): Stadtkultur in der Urban Political Economy, in: Göschel, Albert; Kirchberg, Volker (Hrsg.): Kultur in der Stadt. Stadtsoziologische Analysen zur Kultur. Opladen: Leske+Budrich, S. 41-54

Lewitzky, Uwe 2005: Kunst für alle? Kunst im öffentlichen Raum zwischen Partizipation, Intervention und Neuer Urbanität. Bielefeld: transcript

Logan, John R.; Molotch, Harvey L. 1987: Urban Fortunes: The Political Economy of Place. Berkeley: University of California Press

Rapp, Tobias 2002: Teutonische Eleganz – Samstags in Berliniamsburg. Die New Yorker Pop-Boheme begeistert sich für die Berliner Subkultur der achtziger Jahre. In: Die Zeit, Nr. 36, 42

Smith, Neil (1979): Toward a Theory of Gentrification: A Back to the City Movement by Capital, not by People. In: Journal of American Planning Association 45(4), 538-548

Springer, Bettina (2007): Artful Transformation. Kunst als Medium urbaner Aufwertung. Berlin: Kulturverlag Kadmos

Zukin, Sharon (1982): Loft Living. Culture and Capital in Urban Change. New York: Rutgers University Press

Der Beitrag ist erschien als:
Holm, Andrej 2009: Auf dem Weg zum Bionade-Biedermeier. (Sub)kulturelle Aufwertungslogiken in Gentrification-Prozessen. In: Diskus. Frankfurter Student_innen Zeitschrift, Heft 01/09, 40-44


Responses

  1. […] gentrification-blog diskutiert die stadtausgabe der frankfurter zeitung „diskus“. ausserdem gibt es dort […]

  2. […] im städtischen Umwandlungsprozess beschreibt Andrej Holm in seinem Genitrifcation-Blog (”Auf dem Weg zum Bionade-Biedermeier. (Sub)kulturelle Aufwertungslogiken in Gentrification-Prozessen“) + + + BESETZT: Seit Freitag snd noch mehr Bäume im Gählerpark besetzt. Solidarischer […]

  3. Ein ausgesprochen interessanter und erhellender Artikel zum Zusammenhang von Gentrifizierung und der Aneignung von Räumen durch kulturelle Nutzung von Pionieren! Vielen Dank!


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