Verfasst von: ah | März 1, 2010

Berlin: Verdrängung durch Luxuswohnprojekt in Schöneberg

Verdrängung und Aufwertung haben sich zu zentralen Themen der stadtpolitischen Diskussionen in Berlin gemausert. Punk-Ikone Jello Biafra bewies auf seinem Konzert im vergangenen September, dass  diese Debatten nicht nur als piefiger Lokalkolorit zu verstehen sind, sondern auch über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen werden. Sein Eingangsstatement beim Konzert im SO36:  „Das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an Berlin denke, ist Gentrifizierung.“ Natürlich ist das völlig übertreiben, dachte vielen – zumal sich die Diskussionen bisher auf eine Handvoll Innenstadtbezirke beschränkte. Neben den Ostberliner Sanierungsgebieten wurden lange Zeit allenfalls noch einige Kreuzberger Nachbarschaften und der Norden von Neukölln benannt, wenn es um Verdrängungsprognosen ging.

Doch die Gentrificationdynamiken in Berlin bleiben nicht auf den Kollwitzplatz, Marthashof und MediaSpree beschränkt. In den vergangenen Monaten sind weitere Aufwertungsgebiete ins Licht der Öffentlichkeit geraten: so werden aus Alt-Treptow und Tempelhof deutliche Aufwertungsanzeichen berichtet. Die Berliner Zeitung hat nun auch Schöneberg auf die Landkarte der Gentrification gesetzt: „Penthouse im Kiez„.  In der Barbarossstraße 59/60 soll ein 60er-Jahre-Bau abgerissen werden:

Der Baukonzern Hochtief will dort Nobelwohnungen errichten, Tiefgarage inklusive. Etliche Mieter sind schon weggezogen. Hanna Wiesniewski gehört zu den etwa 40 Bewohnern, die noch nicht gegangen sind. Die Endzwanzigerin will kämpfen: „Warum sollen wir uns vertreiben lassen?“ Mit anderen Bewohnern hat sie Flugblätter verteilt, Unterschriftenlisten liegen in Geschäften aus. Bei StudiVZ hat das Haus inzwischen rund 1 500 Freunde, bei Twitter gibt es 161 Followers.

Der geplante Abriss in der Barbarossastraße ist nicht das einzige Beispiel für die Aufwertung in Schöneberg:

Für finanzstarke Interessenten drehen sich die Kräne: An der Goltzstraße 40 b entstehen Eigentums-Wohnungen, Preis zwischen 2 700 und 3 700 Euro je Quadratmeter. Ein Penthouse soll 982 500 Euro kosten. Auch an der Schwäbischen Straße soll ein Doppelhaus einem Nobelbau weichen, sagt Rechtsanwalt Fred Skroblin, der Anwohner aus der Barbarossastraße 59/60 vertritt. Teure Eigentumswohnungen werden ebenfalls in der Winterfeldtstraße 61/63 gebaut. Skroblin sagt: „Im Schöneberger Kiez ist vielerorts eine systematische Verdrängung im Gange.“

Um in der Gegend zu bleiben werden die Mieter/innen der Barbarossastraße nicht nur höhere Quadratmeterpreise in Kauf nehmen müssen, sondern auch größere Wohnungen. Die funktional geschnitten und knapp bemessenen Siedlungsbauten der 1960er gelten zwar in den wohnungspolitischen Debatten als nicht mehr zeitgemäß – die kleinen Wohnflächen (ca. 30 qm je Wohnung) bieten Wohnungsmieten ab 200 Euro für viele Singles eine preiswerte Wohngelegenheit. Das es aus Sicht der Eigentümer bessere Verwertungsoptionen gibt, liegt auf der Hand. Auch die Bezirkspolitik unterstützt die ersatzlose Vernichtung preiswerten Wohnraumes und zeigt, dass es auch auf Bezirksebene Immobilien-Verwertungs-Koalitionen geben kann. Da greift eine Hand in die andere: Der Investor will abreißen, der CDU-Baustadtrat unterstützt den Neubau und die bezirkliche Mieterberatung organisiert den konfliktfreien Auszug:

Auch den Bezirk Tempelhof-Schöneberg haben die Mieter um Hilfe gebeten – vergebens. „Das Haus ist asbestbelastet und sanierungsbedürftig“, sagt Baustadtrat Bernd Krömer (CDU). Das Bezirksparlament hat dem Abriss zugestimmt, unter Auflagen. Den Betroffenen sollen andere Wohnungen vermittelt werden, die Mieterberater der gemeinnützigen Arbeitsgemeinschaft SPAS erarbeiten einen Sozialplan. 23 Bewohner haben bislang unterschrieben. Etwa 1 500 Euro als Ersatz für Einbauten und Umzugskosten soll jeder bekommen. Der Baustadtrat gibt zu, dass die Mieter zu ihren jetzigen Konditionen in der Gegend „wohl nichts finden werden“. (…) Dennoch findet Krömer das Neubauprojekt richtig. Mit dem Zuzug Besserverdienender werde das Viertel weiter aufgewertet, sagt er.

Schöneberger Aufwertungslogik: Gut für das Viertel – schlecht für die Bewohner/innen. Doch nicht alle wollen ihre Wohnung für die Aufwertung der Nachbarschaft opfern. Die Bewohner/innen der Barbarossstraße 59/60 haben eine Webseite eingerichtet und twittern für den Erhalt ihres Hauses. Viel Erfolg!


Responses

  1. […] sollen investoren für die city west angelockt werden°°° auch in schöneberg wird aufgewertet°°° auf ausgleichsflächen werden immer häufiger wildpferde angesiedelt°°°wowereit […]

  2. Ich bin für eine Sanierung des Baus und gegen
    die Errichtung der Luxuswohneigentumsanlage.
    Ich habe meinen Widerspruch bereits beim
    BZA eingereicht. Ich wohne Barbarossastr. 63
    Viel Mut und Glück!

  3. […] Verdrängung gibt es nur im  Prenzlauer Berg? Im Gegenteil, da ist sie größtenteils schon gelaufen. Ein Beispiel aus Schöneberg ist die Barbarossastraße 59, wo ein sechziger Jahre Bau abgerissen werden soll, um dort ein Haus mit hochpreisige Wohnungen zu er…. […]


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