Verfasst von: ah | Mai 29, 2019

Gentrification im Stadion?

Es passiert nicht allzu oft, dass meine Fachexpertise im Zusammenhang mit meiner Fußballleidenschaft für einen bisher zweitklassigen Verein im Berliner Südosten gefragt ist. Mit dem Aufstieg des 1. FC Union Berlin in die 1. Bundesliga hat sich dass geändert: Die Redaktion der 11Freunde  (Magazin für Fußballkultur) wollte wissen, ob mit dem Aufstieg in die Eliteliga nicht auch Gefahren der Kommerzialisierung und Aufwertung auf den Verein zukommen.

Ein paar erste Überlegungen dazu gibt es im Interview: »Milieuschutz bei der Ticketvergabe«

1. FC Union Berlin: Aufstiegsparty nach der erfolgreichen Relegation gegen den VfB Stuttgart (@tobi / unveu.de)

Um die aktuelle Stimmung rund um den Verein einordnen zu können, sei hier auf den schon immer erstklassigen Podcast textilvergehen verwiesen oder auch auf den Artikel von Christoph Biermann („Die Zeit ist  nun gekommen„).

 

 

 

»Milieuschutz bei der Ticketvergabe«

Nach dem Bundesliga-Aufstieg geht bei Union Berlin die Angst vor der Gentrifizierung um. Andrej Holm, Union-Fan und Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität in Berlin, befürchtet keine Verdrängung, sieht aber Parallelen zum Wohnen in der Hauptstadt.

Herr Holm, wo haben sie den Aufstieg von Union Berlin verfolgt?

Im Stadion, weshalb meine Stimme noch etwas angeschlagen ist. Im Seminar heute wurde viel gelesen. (lacht) Ich bin seit über zehn Jahren eigentlich bei jedem Heimspiel dabei und fahre auch ab und zu auswärts.

Mit dem Aufstieg in der Bundesliga schwingt in der Diskussion um Union neben der Euphorie auch eine Angst vor Veränderungen auf den Rängen und in der Fanklientel mit. Folgt jetzt die Gentrifizierung des Stadions?

Die Sorge um Veränderung prägt die Diskussion ja schon seit ein paar Jahren. Das hat mit der Entwicklung des Vereins mehr zu tun, als mit dem Wechsel der Spielklasse. Das Stadion ist immer voller, quasi eine Metapher zu Berlin: Es platzt aus allen Nähten. Natürlich stellen sich Fragen, wie viele neue noch reinpassen und wie es für die wird, die schon immer da sind. Der Verein geht mit den Chancen zur Kommerzialisierung allerdings bisher sehr sorgfältig um. Das Primat des Stadionbesuchs ist vom Präsidenten bis zum Hausmeister das Grundprinzip. Das unterscheidet uns auch von vielen anderen Klubs.

Wenn immer mehr Leute kommen, besteht aber doch die Gefahr, dass manche alteingesessene Fans um ihren Platz fürchten müssen?

Die allermeisten sind ja nicht im Stadion geboren. Jeder war irgendwann zum ersten Mal da und ist mit der Zeit zu einem Teil von Union geworden. Dass da neue Leute kommen, ist also erst einmal keine Gefahr. Die wichtige Frage ist: Wie viele sind im Stadion, die Union über Jahre begleitet haben? Das regelt die Ticketpolitik bislang sehr gut. Die Mitglieder haben ein Privileg beim Kauf, Dauerkarteninhaber können diese verlängern.

Die Alte Försterei wird also nicht der neue Prenzlauer Berg?

Wenn man die Parallele zur städtischen Gentrifizierung zieht, ist Union eher das Rote Wien. Im Prenzlauer Berg kommen 80 Prozent Neue und es bestimmt sich darüber, wer den höchsten Preis zahlt. In Wien werden etablierte Bewohner gesetzlich geschützt, damit sie in ihren Vierteln bleiben können. Bei Union wurde beispielsweise die Familienmitgliedschaft eingeführt. Das spricht dafür, dass der Klub diejenigen im Stadion haben möchte, die das Erlebnis vor Ort seit Jahren mitgeprägt haben.

In der wissenschaftlichen Literatur wird von einem Austausch der statusniedrigeren gegen statushöhere Bewohner gesprochen. Lässt sich die Entwicklung bei Union vergleichen?

In städtischen Kontexten ist die Verdrängung der Kern der Gentrifizierung. Diese Gefahr sehe ich bei Union aktuell nicht. Aber die Fankultur bestand auch in der Vergangenheit nicht nur aus Arbeitern und Subproletariat, es gab immer eine Mischung. Natürlich ist es zum Beispiel auch für meine Studierenden interessant, zu Union zu gehen.

Welche Rolle spielt der »Mythos Union«, einer von vielen im Fußballdiskurs, für den Reiz des Klubs in anderen Milieus?

Sobald du ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal hast, wirst du für ein distinktionsbewusstes Publikum attraktiv. Vielleicht nicht für die, die mit Champagnergläsern in der verglasten VIP-Loge sitzen. Oder zumindest nicht für viele. Aber das Moment, bei einem angeblichen Arbeiterverein aus dem Osten auf der Stehtribüne rumzuturnen, macht den Verein attraktiv für Menschen aus anderen sozialen Schichten, die sich das ansehen wollen.

Wie wirkt sich die soziale Herkunft aus?

Union ist eher geeignet, um auch von Menschen aus den urbanen Dienstleistungsmilieus in den eigenen Lebensstil eingebaut zu werden. Das ist paradox, denn das Stadionerlebnis bei Hertha ist ja viel anschlussfähiger. Aber die Attraktivität von Union basiert auf dem Distinktionspotential: Auf einer WG-Party, oder bei Leuten, die eher ins Theater gehen, kannst du Union besser vermitteln, als regelmäßige Besuche im Olympiastadion.

Die gleichen Leute ziehen wahrscheinlich auch eher nach Neukölln oder Kreuzberg, als Charlottenburg oder Steglitz.

Der klassische Gentrifier, der sich vom coolen Berlin angelockt fühlt, sich eine Wohnung in Kreuzberg neben dem ehemals besetzten Haus kauft, wird eher zu Union als zu Hertha gehen. Aus der Stadtforschung kennen wir die Imagination von angeblicher Authentizität für bestimmte Lebensstilgruppen. Leute die unbedingt in einem hundert Jahre alten Viertel wohnen wollen, weil sie den „Altbau“ so toll finden, gehen auch lieber in ein Stadion das eine Fußballkultur “wie früher“ verspricht.

Das kann man doch den Stadtteilen ebenso wenig vorwerfen wie dem Verein?

Natürlich nicht. Und beide werden das Image nicht verstecken, auch wenn es von anderen kapitalisiert werden kann. Wir werden keine Red-Bull-Getränke verkaufen, nur um Leute abzuschrecken, die ein authentisches Stadionerlebnis suchen.

Dennoch: Wie in einem Stadtviertel bringen die Newcomer doch notwendigerweise Veränderungen mit sich.

In der Stadt läuft es so: Die subkulturelle Attraktivität, das Image eines Viertels ist für Besserverdienende attraktiv, sie ziehen dort hin und verdrängen die angestammten Bewohner. In den Fußball übersetzt heißt das, Leute kommen mit Erwartungen in das Stadion, die sie aus Medien und Erzählungen zusammensetzen. Da werden völlig skurrile Bilder vermittelt: die süßen Ossis, die am Tag der Werktätigen feiern und sowas. In der städtischen Gentrifizierung bilden sich aber komplett ortsferne Enklaven. Dann dominieren statt proletarischer Eckkneipen auf einmal die berüchtigten Latte-Macchiato-Bars. Im Fall von Union und dem Fußballerlebnis im Stadion An der Alten Försterei erscheint mir so eine Entwicklung ausgeschlossen. Wie sollte das auch gehen? Bringen dann die Neuen beim ersten Bundesliga-Heimspiel ihre Klappstühle auf die Stehtribüne?

Aber der Preis beeinflusst doch nicht nur in der Stadt sondern auch im Stadion die Zusammensetzung des Publikums. Beispiel Premier League.

Tatsächlich merken wir dahingehend eine Aufwertung. Die hohe Nachfrage, das fast immer ausverkaufte Stadion führen zu einer schrittweisen Preiserhöhung. Der Verein hat darauf reagiert und privilegiert Vereinsmitglieder. Aber die Mitgliedschaft können viele auch nicht einfach aus der Hosentasche bezahlen, das Fußballerlebnis über eine ganze Saison ist in den letzten Jahren teurer geworden.

Die Sorgen vor Verdrängung sind also doch berechtigt?

Ja, beziehungsweise vor einer spezifischen Form von Ausschluss. Wenn man immer zum Spiel kommen will, muss man für Dauerkarte und Vereinsmitgliedschaft schon einiges aufbringen. Das erhöht die Hürde für diejenigen, die weniger Geld haben. Da wird es zu einem ökonomischen Faktor, nicht nur bei Union, sondern bei allen vermarkteten Sportereignissen. Der maßgebliche Unterschied ist: In der Stadt haben die Neuen die entsprechenden Ressourcen, um sich ganze Viertel anzueignen – höheres Kapital und die Bereitschaft, damit Eigentum anzukaufen. Solange es bei Union keinen Auktionsmarkt für Dauerkarten gibt, ist diesem Prozess im Stadion eine Grenze gesetzt.

Wie wird sich der Stadionausbau auf die Situation auswirken?

Er wird sie entspannen, weil mehr Platz geschaffen wird. Diese Option hatten die angesagten Berliner Stadtteile leider nie: dass man sie vergrößert und damit mehr Leuten Platz gibt. Deshalb kommt es zur Konkurrenz, die zur Verdrängung führt. Aktuell hat Union mehr Mitglieder als Heimplätze. Der Stadionausbau wird diesen Druck mildern.

Im städtischen Kontext gründen sich Anwohnerinitiativen und es formiert sich Protest gegen solche Veränderungen. Gibt es unter Fans ein fußballerisches Äquivalent?

Auch im Fußball gibt es Bleibestrategien. In kleinen Kreisen, die seit Jahren ins Stadion gehen, gibt es Solidargemeinschaften. Die einigen sich dann, wer auf wessen Dauerkarte wie oft wohin geht. Oder die Karten werden weitergeben, um möglichst vielen den Stadionbesuch zu ermöglichen. Das Gegenstück zum sozialen Wohnungsbau gibt es von Vereinsseite noch nicht. Aber die Regeln zur Ticketvergabe haben das Stadion An der Alten Försterei weitgehend in ein Milieuschutzgebiet verwandelt. Wer schon dabei ist kann auf jeden Fall bleiben. Das unterscheidet das Stadion An der Alten Försterei von den Aufwertungsgebieten in der Stadt.

Trotzdem gibt es unterschiedliche Erwartungen zwischen Alteingesessenen und Newcomern.

Natürlich ist es schöner, wenn das ganze Stadion brüllt. Doch wer zum ersten Mal da ist, wird nicht alles mitsingen können. Die Befürchtung ist ja nicht, dass nur noch sekttrinkende Schlipsträger ins Stadion kommen. Sondern dass die Identifikation mit Verein und Mannschaft verloren geht. Bestimmte Standards zum Umgang miteinander und zum Verhalten im Stadion müssen vermittelt werden, wenn neue Menschen mit anderen Vorstellungen dazukommen.

Wie sollte man als Fan auf diese Veränderungen reagieren?

Vielfach werden die Newcomer unmittelbar ins Geschehen integriert. Wo ich stehe, wird jeder angesprochen, der nach Spielbeginn noch mit seiner Handykamera rumfummelt. Da findet eine Erziehung untereinander statt, die alle miteinschließt. Es liegt in der Verantwortung aller, die Neuankömmlinge mitzureißen und das Union, das man haben will, möglichst perfekt vorzuleben.

Sie sprechen in Ihrer Forschung von Veränderungen im Nachbarschaftsmilieu und in Beziehungen als Folge von Gentrifizierung. Es ist also an den Fans, diese im Stadion zu verhindern?

Das wichtige ist: Im Unterschied zu städtischen Aufwertungsprozessen haben sie die Chance dazu! Wenn man sich den Prenzlauer Berg anschaut, hat dort ein kultureller Wandel stattgefunden, der mit dem massenhaften Austausch der Bewohner zusammenhing. Natürlich fühlt sich der Kollwitzplatz heute anders an, als vor 25 Jahren, weil ganz andere Menschen dort leben. Bei Union ist das anders. Wir werden ewig leben, heißt es in der Hymne. Die Menschen lassen sich nicht einfach verdrängen. Die Leute hören nicht auf zu kommen, außer aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie umziehen müssen. Da ist eher die Gentrifizierung der Stadt eine Gefahr für den Klub, wenn die Leute sich das Wohnen in Berlin nicht mehr leisten können.

 

 

 


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