Verfasst von: ah | Juni 29, 2010

Berlin: Kunst gegen Gentrification?

Die Rolle von Pionieren im Aufwertungsprozessen und die Funktionen von Kunst als Türöffner der Gentrification haben einen festen Platz in den akademischen und auch stadtpolitischen Debatten. In verkürzter Rezeption von Phasenmodellen des Gentrification-Verlaufs wird dabei vielfach von einer Unvermeidlichkeit, ja fast schon Zwangsläufigkeit der immobilienwirtschaftlichen Inwertsetzung kultureller Aktivitäten ausgegangen. „Erst kommen die Künstler und dann die Investoren…“

Eine bewusste Mitgestaltung von Stadtteilaufwertungen und Branding-Strategien von Immobilienbesitzer/innen wird jedoch von viele Kulturproduzent/innen abgelehnt. Das eigentliche Problem sei vielmehr die ungewollten Vereinnahmung künstlerischer Aktivitäten für Aufwertungsstrategien. Ein Ausweg aus dieser Zwickmühle könnte (neben einer aktiven Beteiligung an Nachbarschaftsprotesten gegen die Aufwertung) in einer selbstreflexiven Thematisierung der künstlerischer Aufwertungsfunktionen in der eigenen Arbeit liegen.

Michalis Pichler hat genau das versucht und eine Leuchtreklame mit dem Titel „Gentrification Lubricants“ gebastelt. Lubricants bedeutet soviel wie Schmierstoff oder Gleitmittel. An den richtigen Orten installiert kann so mit künstlerischen Mitteln auf die Aufwertungsrelevanz konkreter Veranstaltungadressen oder Events  hingewiesen und zumindest die eine oder andere Diskussion ausgelöst werden.

Gentrification-Lubricants-Installation

Die Idee für seine Installation hat Michalis Pichler 2002 in New York bekommen:

„mir war damals in DUMBO, brooklyn, beim tag der offenen ateliers aufgefallen, dass sich unter die Aussteller bei den strassenstaenden nahezu ein viertel immobilienmakler gemischt hatten“

In Berlin war seine (Anti-)Aufwertungs-Reklame 2008 am Kulturzentrum Milchhof (gegenüber von der Marthashof-Baustelle) und 2009 am Kulturpalast Wedding International zu sehen.

(Anti-)Gentrification-Reklame am Milchhof in Prenzlauer Berg

In ihrer Beschreibung der Installation heißt im Rahmen des Espace Surplus schreibt Bettina Springer:

Gentrification Lubricants
Ganz so unschuldig wie die Malerei in ihrem “Ich bin doch nur Ich und sonst nichts” tut, kann sie nicht sein. Genau an diesem Ort kann man es ihr hier und jetzt nicht ganz abnehmen. Die Frage steht im Raum, und ihre Antwort zugleich auch: “Ich stehe hier und kann nicht anders.” Die Antwort: höchst fragwürdig.
Was weiß die Kunst? Ist ihre Autonomie reine Heuchlerei? Dient diese Postulation allein der Selbstaffirmation. “Ich bin doch nur Kunst und mehr will ich gar nicht!” Dies fröhlich ignorierend blinkt derweil am Fenster die Leuchtreklame, wie an einem Pizzaladen, einem Bordell oder einfach nur an einem Spätverkauf. Kommt und kauft, Leute!! Hier gibt es Kunst! Nein vielmehr, hier gibt es noch billige Wohn- und Arbeitsräume, hier steht noch ein unsaniertes Haus, das letzte in seiner Reihe! Habt ihr es denn noch gar nicht bemerkt? Kommt her, kommt ran! Schaut euch die Kunst an und kauft euch hier ein!
Kunst als “Gleitmittel” urbaner Auf- und Verwertung. Hier wird ihr, der ach so unschuldigen Kunst, das Blatt vom Mund genommen.

Mit Leuchtreklame gegen die Gentrification?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Vorstellung, sich  ausgerechnet mit künstlerischen Mitteln einer vielfach symbolisch getragene Aufwertung entgegenzustellen, eher auf Skepsis stößt. Und die ist auch angebracht. Trotzdem finde ich die Installation bemerkenswert…

So verkürzt es wäre,  Künstler/innen für die Auslösung von Gentrificationprozessen verantwortlich zu machen, so sinnvoll erscheint mir eine selbstkritische Reflektion ihrer Rolle in städtischen Aufwertungsprozessen.

Immer mal wieder bekomme ich Einladungen zu Diskussionen mit Künstler/innen, die sich mit mir über ihre widersprüchliche Rolle in städtischen Aufwertungsprozessen diskutieren wollen. Diese Formen einer selbstkritischen Repolitisierung der eigenen Arbeit finde ich grundsätzlich prima. Leider bleiben die Diskussionen oft an einem Punkt der Selbstgeißelung und Hilflosigkeit gegenüber den Kooptionslogiken des Immobilienmarktes stehen.

Dieses Pionier-Dilemma in der eigenen Arbeit zu thematisieren ist da schon fast ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht weil eine Leuchtreklame die Inwertsetzungsprozesse aufhalten wird.  Aber, weil es für den Versuch steht sich als Künstler/in (mit künstlerischer Arbeit) im Gentrification-Prozess zu positionieren. Bitte mehr davon…

p.s.

Alle, die ein sinnvolle Verwendung für die Gentrification-Lubricants-Installation haben, können sich an Michalis Pichler wenden. Das Kunstwerk steht zur Ausstellung / zum Gebrauch bereit. Vorstellbar wäre ein Leihvertrag mit symbolischem monatlichem Obolus von 1 Euro. Kontakt: pichler13(at)yahoo.com

Über Fotos und Berichte von möglichen Aktionen mit der Leuchtreklame würde ich mich freuen.


Responses

  1. Für gute Ausstellungs-Tipps in Berlin checkt mal http://www.sounds-like-me.com/news/?s=Eröffnungssport

    Viel Spaß!

  2. […] offensiv thematisiert und verweigert werden kann. Es bedarf aber, wie schon Andrej Holm in seinem interessanten Artikel beschreibt, eines sozialen Engagements von Künstler_innen in Stadtteilinitiativen über die […]

  3. […] und sollten sich deshalb verpissen, antworteten sie mit einem öffentlichen Gesprächsangebot über Kunst und Gentrifizierung. An der letzten Stadtteilversammlung im Schillerkiez haben sie sich ebenfalls beteiligt. Zur […]

  4. […] gerade erst entsteht. Sind die Pioniere schuld an dem ganzen Prozess, da sie das Viertel erst attraktiv machen für Leute mit mehr Geld? Und dann wird ellenlang über die Schuldfrage gebrütet oder […]


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